Geld & Wirtschaft

Krank zur Arbeit: 500 Menschen haben uns gesagt, warum sie nicht zu Hause bleiben

Das Phänomen heißt Präsentismus und es kostet die deutsche Wirtschaft Schätzungen zufolge jährlich mehr als 30 Milliarden Euro. Trotzdem schleppen sich Millionen Menschen krank ins Büro. Wir haben gefragt: Warum tun sie es?

Person arbeitet am Schreibtisch im Büro

Auch wenn der Körper Pause braucht, kommt die Arbeit für viele zuerst – aus Pflichtgefühl, Angst oder kulturellem Druck. Foto: Unsplash

Wir haben in einem Aufruf auf unserer Website gefragt: „Bist du schon mal krank zur Arbeit gegangen – und warum?" Innerhalb von drei Tagen haben uns 517 Menschen geantwortet. Die Antworten waren ehrlicher, als wir erwartet hatten.

Am häufigsten genannter Grund: Angst. Nicht vor dem Vorgesetzten – auch wenn der vorkommt –, sondern vor dem Berg an Arbeit, der wartet. „Ich weiß, dass ich nach drei Tagen Krankheit eine Woche nachholen muss. Das ist es nicht wert", schreibt eine Vertriebsmitarbeiterin aus Hamburg, 34. Ein Projektmanager aus München, 41, formuliert es noch direkter: „Ich kann es mir schlicht nicht leisten, krank zu sein."

Das ist der Kern des Präsentismus-Problems: Es geht nicht um individuelle Schwäche oder mangelndes Verantwortungsbewusstsein sich selbst gegenüber. Es geht um Strukturen, die krank sein teuer machen – finanziell, sozial und karrieretechnisch. In vielen Unternehmen wird Anwesenheit noch immer mit Leistung gleichgesetzt, obwohl die Forschung längst gezeigt hat, dass das das Gegenteil bewirkt.

Fünf Muster aus 500 Antworten

Neben der Angst vor Arbeitsrückstau nannten Befragte vier weitere häufige Gründe. Schuldgefühl gegenüber Kollegen: Viele schreiben, dass sie das Team nicht im Stich lassen wollen. Besonders in kleinen Teams, wo jeder Ausfall spürbar ist, erzeugt das enormen Druck. „Ich weiß, dass meine Kollegin dann die doppelte Arbeit hat. Ich kann ihr das nicht antun", schreibt eine Krankenpflegerin, 39.

Misstrauen in die eigene Wahrnehmung: Mehrere Befragte berichten, dass sie nicht wissen, ob sie „wirklich krank genug" sind, um zu Hause zu bleiben. „Ich habe Kopfweh und bin erschöpft – aber ist das Krankheit oder bin ich nur schwach?", fragt ein Softwareentwickler, 28. Diese Unsicherheit ist bezeichnend: In einer Leistungsgesellschaft gilt Erschöpfung oft nicht als legitimer Grund für eine Auszeit.

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