Eine Studie der Universität Tübingen aus dem Jahr 2024 kommt zu einem ernüchternden Befund: Kinder aus bildungsfernen Haushalten brauchen im Schnitt 40 Minuten länger für ihre Hausaufgaben als Kinder aus Akademikerfamilien – und erzielen dabei schlechtere Ergebnisse. Das Problem liegt nicht an fehlender Intelligenz oder mangelndem Eifer. Es liegt an fehlenden Ressourcen: kein Elternteil, das Mathe erklärt. Kein ruhiger Schreibtisch. Keine Nachhilfestunde.
Die Hausaufgabe als Institution gilt in Deutschland als unverzichtbarer Teil des Schulalltags. Rund 80 Prozent aller Grundschulkinder erhalten täglich Aufgaben mit nach Hause, in weiterführenden Schulen sind es nahezu hundert Prozent. Doch immer mehr Bildungsforscherinnen und -forscher stellen eine unbequeme Frage: Für wen sind Hausaufgaben eigentlich gedacht?
„Hausaufgaben sind kein Lernwerkzeug – sie sind ein soziales Sortierungssystem", sagt Prof. Dr. Marion Keller, Bildungssoziologin an der Freien Universität Berlin. „Wer zu Hause das richtige Umfeld hat, profitiert. Wer es nicht hat, verliert weiter." Diese Einschätzung deckt sich mit einer wachsenden Zahl internationaler Studien, die zeigen, dass der pädagogische Nutzen von Hausaufgaben – vor allem in der Grundschule – weit geringer ist als gemeinhin angenommen.