Kinder & Bildung

Warum Hausaufgaben die Bildungsschere vergrößern – und was die Forschung wirklich sagt

Millionen Kinder sitzen jeden Abend über ihren Aufgaben. Doch wer zu Hause keine Unterstützung bekommt, wird durch Hausaufgaben nicht gefördert – sondern systematisch benachteiligt. Eine unbequeme Wahrheit über eine Institution, die kaum jemand hinterfragt.

Kind lernt am Schreibtisch mit Büchern

Hausaufgaben sind fester Bestandteil des deutschen Schulalltags – doch wer davon wirklich profitiert, hängt stark vom Elternhaus ab. Foto: Unsplash

Eine Studie der Universität Tübingen aus dem Jahr 2024 kommt zu einem ernüchternden Befund: Kinder aus bildungsfernen Haushalten brauchen im Schnitt 40 Minuten länger für ihre Hausaufgaben als Kinder aus Akademikerfamilien – und erzielen dabei schlechtere Ergebnisse. Das Problem liegt nicht an fehlender Intelligenz oder mangelndem Eifer. Es liegt an fehlenden Ressourcen: kein Elternteil, das Mathe erklärt. Kein ruhiger Schreibtisch. Keine Nachhilfestunde.

Die Hausaufgabe als Institution gilt in Deutschland als unverzichtbarer Teil des Schulalltags. Rund 80 Prozent aller Grundschulkinder erhalten täglich Aufgaben mit nach Hause, in weiterführenden Schulen sind es nahezu hundert Prozent. Doch immer mehr Bildungsforscherinnen und -forscher stellen eine unbequeme Frage: Für wen sind Hausaufgaben eigentlich gedacht?

„Hausaufgaben sind kein Lernwerkzeug – sie sind ein soziales Sortierungssystem", sagt Prof. Dr. Marion Keller, Bildungssoziologin an der Freien Universität Berlin. „Wer zu Hause das richtige Umfeld hat, profitiert. Wer es nicht hat, verliert weiter." Diese Einschätzung deckt sich mit einer wachsenden Zahl internationaler Studien, die zeigen, dass der pädagogische Nutzen von Hausaufgaben – vor allem in der Grundschule – weit geringer ist als gemeinhin angenommen.

Was genau passiert in den Haushalten, in denen Hausaufgaben funktionieren? Bildungsforscher haben das in den vergangenen Jahren intensiv untersucht. Das Ergebnis: Es geht nicht primär um Intelligenz oder Motivation der Kinder. Es geht um elterliche Bildungsressourcen. Akademisch gebildete Eltern können Aufgaben erklären, Fehler sinnvoll kommentieren und Kontext liefern. Sie wissen, was die Lehrerin erwartet, und kennen die unausgesprochenen Regeln des Bildungssystems.

In Familien, in denen Eltern die Sprache kaum sprechen, in denen nach einem langen Arbeitstag keine Zeit bleibt oder schlicht keine geeigneten Materialien vorhanden sind, sieht das anders aus. Kinder scheitern nicht, weil sie nicht können – sondern weil das System so konstruiert ist, dass es sie scheitern lässt.

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