Leben & Lieben

„Ich bin eine schlechte Freundin" – warum so viele das glauben und was wirklich dahinter steckt

Monatelang nicht gemeldet. Eine Geburtstagsfeier verpasst. Die dritte Verabredung abgesagt. Das schlechte Gewissen gegenüber Freunden kennen fast alle. Doch das Gefühl, eine schlechte Freundin oder ein schlechter Freund zu sein, sagt weniger über die tatsächliche Qualität der Freundschaft aus, als wir denken.

Zwei Frauen sitzen lachend zusammen an einem Café-Tisch

Freundschaft im Erwachsenenleben erfordert andere Regeln als in der Kindheit – doch die inneren Maßstäbe hinken oft hinterher. Foto: Unsplash

Es passiert meist abends. Man liegt im Bett, scrollt durch die Nachrichten und sieht plötzlich ein Foto einer Freundin – Geburtstag, Party, alle da. Außer einem selbst. Man hat nicht mal gratuliert. Und dann kommt dieses Gefühl: Ich bin eine furchtbare Freundin. Ich melde mich nie. Ich bin immer zu beschäftigt.

Dieses Gefühl ist so verbreitet, dass Sozialpsychologin Dr. Katrin Mayer von der Universität Hamburg ihm einen eigenen Begriff gegeben hat: „Friendship Guilt" – Freundschaftsschuld. „Es ist eines der am häufigsten beschriebenen Schuldgefühle im Erwachsenenleben", sagt sie. „Und es ist in den meisten Fällen unverhältnismäßig." Das bedeutet: Das Gefühl stimmt nicht mit der Realität überein.

Warum glauben so viele Menschen, schlechte Freunde zu sein? Und vor allem: Warum trifft das Frauen häufiger als Männer? Eine Studie der Universität Bonn aus dem Jahr 2024 zeigte, dass Frauen sich im Durchschnitt dreimal so häufig als unzureichend in Freundschaften beschreiben wie Männer – obwohl sie im Schnitt mehr Zeit und emotionale Energie in Freundschaften investieren.

Das Ideal und die Wirklichkeit

Das Problem liegt teilweise in den gesellschaftlichen Erwartungen. Frauen werden von klein auf sozialisiert, für Beziehungen verantwortlich zu sein – für ihre Familie, ihre Kinder, ihre Freundschaften. Wenn eine dieser Verbindungen leidet, ist automatisch sie schuld. Männer hingegen werden seltener als verantwortlich für die Pflege sozialer Bande gesehen, und erwarten das auch weniger von sich selbst.

Dazu kommt das, was Psychologen den „Availability Bias in Friendship" nennen: Wir denken viel häufiger an die Male, an denen wir nicht präsent waren, als an die Male, an denen wir es waren. Das schlechte Gewissen über drei abgesagte Verabredungen überschattet die zehn gemeinsamen Abende im letzten Jahr.

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