Florian B., 34, Projektmanager aus Köln, beschreibt das Gefühl so: „Ich lege das Handy hin und greife fünf Minuten später wieder danach – ohne zu wissen warum." Er schaut Dutzende Male täglich auf sein Display, ohne dass eine konkrete Benachrichtigung es ausgelöst hat. Beim Essen, in der U-Bahn, kurz vor dem Einschlafen. „Es ist wie ein Reflex. Ich kann gar nicht mehr nicht gucken."
Florian ist kein Einzelfall. Eine Studie der DAK-Gesundheit aus dem Jahr 2025 zeigt: 62 Prozent der deutschen Arbeitnehmer fühlen sich durch digitale Kommunikation permanent unter Druck gesetzt. 41 Prozent geben an, auch im Urlaub oder am Wochenende regelmäßig auf berufliche Nachrichten zu antworten. Und 28 Prozent berichten von chronischer Erschöpfung, die sie direkt mit ihrer Bildschirmzeit in Verbindung bringen.
Was im Gehirn passiert
Das Problem ist nicht Bildschirmzeit an sich – es ist die Art, wie digitale Plattformen und Kommunikationstools gestaltet sind. Sie sind so gebaut, dass sie Aufmerksamkeit erzwingen. Und das hat neurobiologische Konsequenzen.
Jede Benachrichtigung aktiviert das dopaminerge Belohnungssystem des Gehirns. Das Smartphone-Ping erzeugt einen kleinen Dopaminstoß – und unser Gehirn lernt: Hier kommt möglicherweise etwas Wichtiges oder Angenehmes. Dieser Mechanismus ist identisch mit dem, der bei Spielautomaten wirkt. Kein Zufall: Er wurde von App-Designern bewusst eingebaut.
Die Konsequenz: Das Gehirn gewöhnt sich an hochfrequente, kurzfristige Reize. Länger anhaltende Aufmerksamkeit – das tiefe Lesen eines Textes, konzentriertes Arbeiten, ruhiges Gespräch – fällt zunehmend schwer. Neurowissenschaftler der einer deutschen Hochschule (2024) veröffentlichten Studie gezeigt, dass Menschen, die ihr Smartphone mehr als 150-mal täglich entsperren, eine messbar niedrigere Konzentrationsspanne bei kognitiven Tests aufweisen als Vergleichsgruppen mit weniger als 50 täglichen Entsperrungen.
„Wir haben nicht mehr Informationen als früher. Wir haben weniger Ruhe, um sie zu verarbeiten. Das ist der Unterschied."
Zoom-Fatigue: Wenn Videokonferenzen erschöpfen
Ein besonderes Phänomen der Post-Pandemic-Arbeitswelt: Video-Call-Erschöpfung. Forscher der Stanford University haben erklärt, warum Videokonferenzen anstrengender sind als Präsenzmeetings: Das Gehirn muss ständig aktiv Augenkontakt simulieren (weil alle auf dem Bildschirm „gerade in die Kamera schauen"), die fehlende Körpersprache interpretieren und gleichzeitig das eigene Spiegelbild verarbeiten.
In Unternehmen, die intensiv mit Microsoft Teams oder Zoom arbeiten, klagen Mitarbeiter häufig nach dem sechsten oder siebten Call am Tag über starke Ermüdung – auch wenn die Calls inhaltlich unproblematisch waren. Die Erschöpfung kommt nicht vom Inhalt, sondern vom Format.
Was wirklich hilft – und was nicht
Was nicht hilft: Willenskraft allein. „Ich werde einfach seltener aufs Handy schauen" funktioniert nicht, weil es gegen die Designlogik der Apps kämpft. Es ist wie zu beschließen, seltener zu atmen.
Was hilft: Strukturelle Veränderungen. Nicht Verbote, sondern Hindernisse einbauen:
- Kein Smartphone im Schlafzimmer. Die Schlafforschung ist eindeutig: Das blaue Licht von Bildschirmen unterdrückt Melatonin. Ein analoger Wecker kostet 15 Euro und ist die wirkungsvollste Schlafhygiene-Maßnahme überhaupt.
- Benachrichtigungen deaktivieren – bis auf echte Notfälle. E-Mail, WhatsApp-Gruppen, News-Apps: Alle Push-Notifications aus. Wer wichtig ist, kann anrufen.
- Definierte E-Mail- und Teams-Zeiten. Dreimal täglich – Morgens, Mittags, Nachmittags – statt permanent. Studien zeigen, dass Mitarbeiter, die E-Mails nur dreimal täglich checken, genauso produktiv sind – aber weniger gestresst.
- Grayscale-Modus am Smartphone. Farbe macht Apps attraktiver. Ein grauer Bildschirm reduziert die unbewusste Nutzungszeit messbar.
- „Digitale Stille" am Abend: Ab 21 Uhr keine News, keine sozialen Medien. Nicht wegen Inhalten, sondern wegen Aktivierungsgrad des Gehirns vor dem Schlafen.
Tragen Sie eine Woche lang Ihre tägliche Bildschirmzeit auf. Die meisten Smartphones messen das unter Einstellungen → Bildschirmzeit / Digitales Wohlbefinden. Was die meisten dabei entdecken: Sie unterschätzen ihre Nutzung im Schnitt um 40 Prozent.
Was Arbeitgeber tun können – und müssen
Das Problem ist nicht nur privat. In Deutschland gibt es – anders als etwa in Frankreich – kein gesetzliches „Recht auf Nichterreichbarkeit". Das bedeutet: Arbeitnehmer sind rechtlich nicht geschützt, wenn Vorgesetzte spätabends oder am Wochenende Nachrichten schicken, die eine Antwort erwarten.
Erste Unternehmen gehen freiwillig weiter: SAP Deutschland hat eine interne Richtlinie eingeführt, nach der nach 19 Uhr keine Push-Benachrichtigungen mehr für Slack-Nachrichten versendet werden. BMW experimentiert mit „Meeting-freien Freitagnachmittagen". Und mehrere mittelständische Unternehmen haben Unternehmensrichtlinien eingeführt, die das Antworten auf berufliche Nachrichten außerhalb der Arbeitszeit ausdrücklich als freiwillig deklarieren.
Der Unterschied zeigt sich in Zahlen: Unternehmen mit expliziten Digital-Wellness-Richtlinien verzeichnen laut einer McKinsey-Studie von 2025 eine um 18 Prozent niedrigere Krankheitsquote bei psychischen Erkrankungen.
Der erste Schritt
Florian B. aus Köln hat ein kleines Experiment gewagt: eine Woche lang das Handy abends ab 21 Uhr in einer Schublade. „Die ersten zwei Abende war ich nervös", sagt er. „Als wäre ich von etwas abgeschnitten. Aber ab dem dritten Abend habe ich das erste Mal seit Jahren wirklich abgeschalten." Er macht das Experiment inzwischen seit vier Monaten. Sein Schlaf hat sich verbessert. Sein Morgen fühlt sich ruhiger an. Er greift immer noch täglich zu oft zum Handy – aber er weiß es jetzt.
Das ist der erste Schritt.


